Hintergrund und Ziele

Ausgangslage
Durch die gegenwärtigen politischen Geschehnisse in der Ukraine ist ein Spannungsfeld zwischen Europa und Russland sowie zwischen Russland und anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion wie der Ukraine und Georgien entstanden, in dem nicht nur eine militärische Auseinandersetzung, sondern auch ein erbitterter Propagandakrieg um die Deutungshoheit historischer und gegenwärtiger Entwicklungen geführt wird. Die überaus aktive russische Propaganda verdeckt die eigentlichen Entwicklungen im Land und erstickt die pluralistischen Stimmen im Inneren. Dadurch entsteht ein einseitiges verzerrtes Bild der russischen Gesellschaft, was die Annäherung und den Dialog mit anderen Ländern erschwert. Die Kriegssituation in der Ukraine nährt nationalistische Tendenzen im Land, was ebenfalls den Pluralismus gefährdet. Die Kriegserfahrungen und die gegenwärtigen Entwicklungen in Georgien werden in den anderen Ländern nur sehr eingeschränkt zur Kenntnis genommen.

English version: Talking Fearfully, Talking Courageously

Idee und Realisierung
Das Projekt „Reden aus Angst und Mut“ möchte mit einer mehrteiligen Diskussionsreihe mit deutschen, russischen, ukrainischen, georgischen Intellektuellen und KünstlerInnen in Berlin und Tbilisi einen Dialog initiieren, der es den Beteiligten und dem Publikum ermöglicht, die aktuellen Entwicklungen in diesen Ländern detailliert kennenzulernen, der zum Austausch von individuellen Sichtweisen, Erfahrungen und Erinnerungen beiträgt und dadurch Stereotype in der Wahrnehmung und tradierte Ansichten zu hinterfragen hilft. Ein besonderes Augenmerk wird auf die Einbindung russischer Intellektueller und Künstler gelegt, die Ansichten abseits der offiziellen politischen Linie vertreten. Damit soll der ausschließlich auf die offizielle Politik gerichteten Wahrnehmung der Entwicklung Russlands und der russischen Gesellschaft entgegengewirkt werden. Hinsichtlich der Ukraine steht ebenfalls die Einbeziehung unterschiedlicher Sichtweisen auf aktuelle Ereignisse und ihre Ursachen im Vordergrund. Von deutscher Seite aus werden Experten gewonnen, die vergleichende Betrachtungen in die Diskussion einbringen. In den Diskussionen werden sowohl kritische Themen der gemeinsamen Geschichte und Gegenwart als auch gemeinsame Herausforderungen für die Gesellschaften im 21. Jahrhundert angesprochen.
Im Mittelpunkt der Diskussionen stehen folgende Fragestellungen: Wie haben sich die Gesellschaften nach dem Zerfall der Sowjetunion entwickelt, und wie wird das sowjetische Erbe heute bewertet? Wie reagieren die Gesellschaften auf die Globalisierung und das Internetzeitalter? Wie entwickeln sich bürgerrechtliche Initiativen, welchen Themen widmen sie sich vorrangig? Welchen Stellenwert hat die Auseinandersetzung mit der Entwicklung in den Nachbarländern? Welchen Austausch gibt es? Wie werden die militärischen Auseinandersetzungen zwischen Russland und der Ukraine und Russland und Georgien jeweils bewertet? Welche Rolle spielen die traditionellen und die sozialen Medien? Welchen Hindernissen sehen sich pluralistische Stimmen in den einzelnen Ländern ausgesetzt? Welche Narrative prägen die Historiografien der beteiligten Länder? Welche Konstruktionen herrschen in der Selbst- und Fremdidentifikation vor? Welche Rolle spielt die Kultur als „soft power“ in der Konstruktion von nationalen Narrativen? Welchen Platz nimmt sie in einem Transformationsprozess dieser Länder ein?

Zielsetzung
Intellektuelle und Künstler aus den beteiligten Ländern treffen sich in Kiew, Tbilisi und Berlin und setzen sich kritisch mit historischen und aktuellen Themen auseinander. Sie bringen dabei ihren eigenen aktuellen Erfahrungshintergrund ein. Das Projekt setzt sich zum Ziel,
 den Dialog und den Austausch zwischen den Intellektuellen aus den teilnehmenden Ländern zu ambivalenten und in der Öffentlichkeit polemisch diskutierten Fragen zu ermöglichen,
 sich kritisch und mehrperspektivisch mit aktuellen und historischen Themen auch zur Schärfung des Bewusstseins für die Geschichtsaufarbeitung auseinanderzusetzen,
 den Öffentlichkeiten in Deutschland, der Ukraine und Georgien differenzierte Informationen und Analysen über die historischen und gegenwärtigen Entwicklungen zu verschaffen,
 das Publikum über die Vorgänge in allen teilnehmenden Ländern zu sensibilisieren,
 den Austausch mit den Intellektuellen abseits der täglichen und tagesaktuellen Berichterstattung zu ermöglichen und
 zur Vernetzung der Akteure aus dem intellektuellen Feld untereinander und zu daraus sich entwickelnden Kooperationen beizutragen.

 

Werbeanzeigen